Island – Reisetagebuch Teil 10

Die kürzesten Tage des Jahres stehen an. Da passt es, sich an die längsten Tage des Jahres in Island zu erinnern. Teil 10 meines Reisetagebuches blickt genau fünf Monate zurück.

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Um 18.23 Uhr ist es soweit: Einmal Island umrundet, bei Selfoss ist die Runde vollendet, gut 2500 Kilometer in zehn Tagen. Da lohnt sich doch ein Abklatschen …

Die Nacht in Vik war windig und unruhig. Vielleicht lag es auch daran, dass auf diesem Campingplatz so ungewohnt viel los ist. Die Räumlichkeiten sind dafür deutlich zu klein ausgelegt. Nur zwei Duschen jeweils für Männlein und Weiblein. Da sieht es dann auch aus wie bei Schmuddels im Bad. Danke, wir verzichten. Auch die geplante Wanderung auf den Vogelfelsen fällt aus, weil ein feiner, aber intensiver Nieselregen innerhalb kürzester Zeit alles durchnässt. Also: Frühstück, natürlich wie immer nur für mich, weil Karin ihr Teilzeifasten auch auf Island durchzieht, Camperdach einfahren, Wassertank auffüllen und los geht’s in Richtung Landeshauptstadt.

Aber Island ist ja bekanntlich immer für Überraschungen gut. Da hatten wir uns vor 30 Minuten übereinstimmend geeinigt, dass nach dem Gletschersee Jökulsarlon eigentlich nichts mehr Spannendes kommen kann und der Rückflug in die Heimat durchaus schon am heutigen Tage sinnvoll wäre. Und nun – wir haben gerade mal den Küstenfelsen von Vik halb umfahren, scheint die Sonne und taucht die Landschaft in die sattesten Farben!

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40 Kilometer sind es bis Skoga, seinem Heimatmuseum und dem Skogafoss mit reichlich Fallhöhe. Bei jetzt prächtigstem Wetter ist der tatsächlich ein Schauspiel, nicht nur wegen seiner selbst, sondern auch, weil sich hier die Touristen fast auf die Füße treten auf der Suche nach der schönsten Selfie-Perspektive.

Besonders nervtötend dabei: die japanischen Frauen. Dieses hochtönende und permanente Kauderwelsch-Gequieke tötet wirklich jede Gleichmut. Die dazugehörigen Männer sind ganz ruhig, vermutlich abgehärtet im Jahrtausende alten Kulturkampf gegen die weibliche Dauerbeschallung.

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Die Damen aus Fernost hören nicht einmal mit ihrem Gequieke  auf, wenn ihnen auf der langen Treppe zur Aussichtsplattform auf den Wasserfall die Puste ausgeht. Vermutlich besitzen sie einen dritten Lungenflügel, einen nur für die Versorgung der Lautsprechorgane.

Der Blick von oben auf den fallenden Fall bietet ein wunderbares Bild. Besonders, weil sich angesichts der schräg einfallenden Sonnenstrahlen gleich zwei prächtige Regenbogen in der Gischt zeigen. „Es lohnt sich!“, motiviere ich beim Absteigen über die vermutlich 500 Treppenstufen auch eine entgegenkommende  Amerikanerin, die schnaufend bekennt, dass ihre Kondition nicht mehr so wie früher sei. Auf dem Parkplatz machen sich mehrer eGrüppchen mit großen Wanderrucksäcken fertig. Sie planen wohl den 26 Kilometer langen Weg von hier in das Pórsmörk.
So viel Zeit (und Kondition) haben wir leider nicht. Aber im Rother Wanderführer wird ein Tour dort beschrieben. „Anfahrt mit vierradgetriebenen Geländewagen (sehr gefährliche Strecke) auf der Straße F 249“ steht da. Haben wir nicht einen solchen Wagen? Als der Schotterweg beginnt also auf 4×4-Antrieb umschalten und weiter geht’s  über die grobe Piste.

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Uns kommen mehrere Supertrucks mit riesigen Reifen entgegen. Die rauschen über das felsige Terrain als wäre es eine Autobahn. Aber ab einem gewissen Tempo fährt es sich tatsächlich ruhiger. Und als auch die erste Bachquerung – natürlich im Video dokumentiert – geschafft ist, macht die Weiterfahrt sogar richtig Spaß … Immer wieder sind kleinere und größere Bäche zu furten. Kein Problem mit dem Toyota, nicht ein einziges.

Das Pósmörk-Tal ist eine echte Idylle, auch wenn hier an den Wochenenden bei Partys im Grünen die Post abgehen soll. Wenn dann allerdings der Wind wo stürmisch weht wie heute und einen Sandsturm durch das Tal treibt, kann das in Island beliebte Großgrillen kein Vergnügen sein.

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Als wir nach 45 Minuten an eine Stelle kommen, an der bereits zwei Autos stehen, machen wir erst einmal Mittagspause. Ist schon praktisch, so ein Camper. Auch ein frisch aufgebrühter Kaffee ist nach der Brotzeit kein Problem. Weil sich in der Zwischenzeit zwei Wagenladungen Wanderer auf den Weg in die Schlucht begeben haben, an deren Eingang wir stehen, google ich mal deren Namen und lese von einer lohnenswerten Wanderung in die Schlucht Stakkholtsgja, 1,5 Stunden lang und – schon wieder diese Schwärmerei – einfach ein Traum. Aber das wissen wir natürlich erst, als wir die ersten 200 Meter hinter uns gebracht haben.

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Die Wandergruppe turnt uns über die Steine schon wieder entgegen. Sie sehen zumindest in Teilen begeistert aus. Als wir zum dritten Mal den Bach gequert haben, der für dieses Festival der bizarren Felsen verantwortlich ist, begrüßen uns drei Amerikaner mit breitem Grinsen. „That was the easyer part“, lautet ihr Kommentar. „Now ist gettin‘ hard. Only a small path to the waterfall. You’ll have to climb.“
Das mit dem Klettern ist kein Problem. Aber das notwendige Wechseln der Bachseite verursacht angesichts des zunehmend tosenden Baches in der immer enger werdenden 100 Meter tiefen Schlucht doch etwas Herzklopfen. So muss ich die letzen 300 nassen Meter alleine bewältigen, weil Karin schließlich den Sprung auf die andere Seite verweigert.

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Überall rinnt das Wasser von den Steilwänden herab und tropft in kleineren und größeren Rinnsalen auf den Kletterweg. Um den letzten Fels herum, auf den Wasserfall selbst,  wage ich nur einige kurze Blicke, weil es definitiv zu nass ist und weder Brille noch Kameraobjektiv und Smartphone unbenetzt bleiben.

Dass es sich nicht immer leichter von Fels zu Fels hinab als hinauf springt, merke ich an einer Stelle auf dem Rückweg … Was, wenn ich jetzt mitsamt Kameraausrüstung und  den Bach plumpse? Aber besser nicht zu lange gezögert und beherzt gesprungen … Es glückt! Alles ist gut und toll und überhaupt. Diese Grüntöne, diese Wildheit, der Hammer!

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Die Klamotten sind – bis auf eine Socke – schon wieder trocken, als wir am Auto zurück sind. Noch einmal 45 Minuten über Stein und Furt zurück, davon 15 hinter einem extrem langsam fahrenden Geländebus.

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Dann noch 90 Minuten bis nach Porlakshöfn, wo der spartanische, aber saubere Campingplatz neben dem Friedhof zwar keine Duschen, dafür aber ein neues Hallenbad in der Nachbarschaft bietet. Hier sind die heißen Duschen ein wirklicher Genuss. Am Abend beginnt es zu regnen.

Macht nichts, morgen schauen wir uns Reykjavik an.

14 Gedanken zu “Island – Reisetagebuch Teil 10

  1. Lieber Rainer,
    das ist aber nett, dass du mit dem Reisetagebuch ein wenig zugewartet hast. So ist der nächste mögliche Urlaub nicht mehr ein ganzes, sondern nur mehr ein gutes halbes Jahr entfernt! 😀
    Wunderschöne Bilder!! 🙂

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  2. LIeber Rainer,
    wirklich eine beeindruckende Landschaft. Ich würde ja so gern mal mit dem Pferd durch Island.
    Wobei dann wohl ein bisschen mehr Wärme schön wäre 🙂
    LIebe Grüße
    Helge

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  3. Lieber Rainer, Traum, Traum, Traum – das ist ein Land, in dem ich gerne wohnen würde, wäre da nicht – wie überall , wo es schön ist – die vielen Touristen . Wunderschön, macht Lust, wieder einmal dort…………………….

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  4. Hach, wie schön, lieber Rainer! Tolle Auffrischung der Erinnerungen an eine Reise, die jetzt auch schon wieder ein halbes Jahr her ist … die Zeit rast!

    Liebe Grüße
    Anne

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