Island – ein Reisetagebuch (Teil 9)

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Fjorde, ein namenloser Wasserfall und der Gletschersee Jökulsarlon

Hell ist auch der Morgen dieses neunten Tages in Island. Die Berge des Fjords zeigen sich aber nur noch minimal in kleinen Wolkenlücken. Da war der Wetterbericht also korrekt. Kein Problem, denn wir wollen eh weiter und ein ziemlich langes Stück bis zum Jökulsarlon fahren.

Gebühr zahlen wir für diese Nacht keine, denn niemand will abkassieren und lediglich ein junger Anstreicher verteilt irgend einen stinkenden Holzschutz auf den Brettern des kleinen Toilettengebäudes. In der Hütte mit den wirklich komfortablen Duschen und dem Aufenthalts- und Spülraum treffen wir ein Paar aus Erlangen, die den dritten Tag in Island sind und aus dem Süden kommen. Da sei es ziemlich voll, sagen sie, was sich etwas unwirklich anhört nach den vergangenen Tagen mit wenigen Menschen, viel Natur und Ruhe.

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Um die Aussage zu überprüfen, machen wir uns auf den Weg durch die Fjorde, also nicht durch, sondern an den Fjorden entlang. Das bietet auch bei tief hängenden Wolken beeindruckende Ansichten. Schnell voran kommt man allerdings nicht, weil jeder Weg zum Fjordzufluss auch wieder die gleiche Distanz zurückgefahren werden muss. Bei schönem Wetter  wäre das sicher eine tolle Sache gewesen. Aber auch so halten wir zu einigen Fotostopps.

Die Zahl der Wasserfälle in Island ist schier unendlich. Viele von ihnen – vermutlich die spektakulärsten – sind an der Straße benannt und mit Parkmöglichkeiten in der Nähe versehen. Viele haben aber auch keinen Hinweis und wären dennoch auf dem Festland eine Touristen-Attraktion. An einem davon vertreten wir uns ein wenig die Beine und klettern über Geröll und Felsen 20 Minuten bis zur Fallkante und staunen über die Gewalt der tosenden Wassermassen.

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Kein Tosen ist in den Dixi-Klos zu hören, die immer wieder in Island an besonders frequentierten oder einsamen Plätzen stehen. Die in Deutschland bekannte Klopapieransammlung in halbwegs versteckten Ecken gibt es hier nicht. Überhaupt ist das Umweltbewusstsein auch der Touristen groß. Da bleibt keine Dreck liegen. Kein Plastikmüll am Rande der Wege und Straßen. Das wird sicher so etwas wie ein Kulturschock bei der Rückkehr nach Deutschland …

In Höfn decken wir uns zum letzten Mal in diesem Urlaub mit Lebensmitteln ein. 110 Euro für eine Einkaufstasche voll Zeugs. Das Leben hier ist teuer, auch wenn ein großes Stück Lachs und leckere Lammfilets vermutlich die Rechnung in diese Höhe treiben. Das Lamm werden wir heute Abend irgendwo auf der Strecke zusammen mit Ratatouille zubereiten und genießen, bevor wir dann noch einmal zwei Stunden bis Vik fahren.

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Davor steht aber noch einer der Höhepunkte unserer Islanderkundung an: Jökulsarlon – Gletschersee heißt das wohl. Hier mündet eine 20 Kilometer lange Gletscherzunge des Vatnajökul in einen immer größer werdenden See und spuckt täglich kleine und große Eisberge ins Wasser.

Es ist schon unwirklich, wenn bei der Anfahrt plötzlich Eisberge in der Landschaft auftauchen. Karin ist sofort vollkommen aus dem Häuschen. 500 Meter weiter tummeln sich Menschenmengen, von Reisebussen angekarrt, am Rand des Sees und staunen. Große Amphibienfahrzeuge laden unentwegt mit Schwimmwesten ausgestattete Menschen ein und aus. Eine Fahrt auf dem See zwischen dem in Blautönen schimmernden Eis muss einfach sein. Das gilt auch für uns. Allerdings wollen wir in einem Zodiak – einem Schlauchboot – noch näher an die eisigen Kolosse herankommen. „Sorry, they’r are all sold out“, erklärt uns die freundliche junge Frau an der Kasse. Sie rät uns allerdings, noch einmal bei dem Truck nachzufragen, der am Beginn der Zufahrt zu dem großen Parkplatz steht. Island Adventures steht darauf.

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Seeschwalben machen auf dem Weg dorthin massenhaft Spektakel. Wie wenig ratsam es ist, über das steinige Feld zwischen den Fahrwegen zu gehen, erlebe ich ebenso wie ein Braut in prächtigem Kleid, die sich zu weit in das Brutgebiet der aufgeregten Tiere wagt. Ich habe zum Glück eine Mütze auf und spüre das picken und zupacken der attackierenden Vögel nur leicht. Die Dame in Cremeweiß bekommt allerdings ernsthafte Frisurprobleme. Und ihr Bräutigam? Der flüchtet sich vor den Vögeln, ohne sich um seine Frau zu kümmern. Na wenn das nicht den ersten Ehekrach gibt.

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Im überhitzten Truck hängen die von der Waltour bekannten Thermoanzüge ordentlich in Reih und Glied an den Wänden. „We start und 10 minutes, it’s the last tour today“, sagt  die freundlich lächelnde Blondine hier. Ja, Platz für uns beide sei auch noch. Na da scheint das Glück auf unserer Seite zu sein. Diese Ausgabe von 9500 Kronen pro Nase gönnen wir uns. Und so steigen wir 15 Minuten später – mollig eingepackt – in den geländegängigen Bus, der uns gemeinsam mit sechs weiteren gespannten Touris und dem Guide über eine heftig wellige Strecke zur etwas vom Trubel abgelegenen Anlegestelle bringt.

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Auf dem Boot nehme ich unaufgeregt aber bestimmt den fürs Fotografieren wichtigen Logenplatz ganz vorne ein. Denn Motive gibt es genug, das weiß ich noch von meiner Reise vor 21 Jahren, als wir hier mit den busähnlichen Amphibienfahrzeugen auf dem Wasser waren.

Zehn Minuten lang rasen wir in dem mit 90 PS Außenborder bestückten Boot in Richtung Gletscher, den wir beim Start angesichts der tiefhängenden Wolken nicht sehen können. Aber er ist da, und unser Guide – ein Isländer wie aus dem Bilderbuch – erklärt uns die Eckdaten und den dramatischen und stetigen Rückgang der eisigen Zunge, die fast 300 Meter in die Tiefe reicht. Der Jökulsarlon ist nämlich der tiefste See Islands. An jedem Tag bricht Eis ab und treibt langsam in Richtung Meer, das über einen 300 Meter langen Fluss mit dem See verbunden ist. Bei Flut strömt das Wasser in den See und bringt den Eisbergstau dort in Bewegung.

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Blau ist das Eis, wenn es frisch abgebrochen und extrem dicht ist. Einige Stunden oder Tage später wird es zunehmend weiß. Nichts ändert sich allerdings an dem Schwarz der Asche von Vulkanausbrüchen, die im Eis eingeschlossen ist. So sind auch am Gletscherrand etliche Schichten Asche eingelagert und gut zu sehen.

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Die langsame Fahrt zwischen den Eisblöcken in den unterschiedlichsten Formen und Blautönen ist faszinierend. Wie war das, als noch Filme belichtet werden mussten? 36 Bilder pro Diafilm, da musste noch genau überlegt werden, wann der Druck auf den Auslöser erfolgt.

Heute ist es egal, sofern noch auf dem Speicherchip Platz ist. Die Arbeit wird das Aussortieren… Und dann auch noch Filmsequenzen mit dem IPhone … Material ohne Ende.

Und Motive so zahlreich und faszinierend, dass erst der Akku von Karins Handy schlapp macht, dann meldet auch meines die Notwendigkeit, in den Stromsparmodus umzuschalten.

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Die Stunde auf dem drei Grad kalten Eiswasser vergeht wie im Flug. Ein tolles Erlebnis, das sogar Karin zu verbalen Begeisterungsrufen nötigt. Es war gut, auf die Fahrt durch das Landesinnere zu verzichten und den Süden anzusteuern.

4 Gedanken zu “Island – ein Reisetagebuch (Teil 9)

  1. Lieber Rainer,
    jetzt dachte ich schon mein Reader spinnt! Aber nein, es ist ein neuer Bericht aus Island. Puh, und das so kurz vor meinem Urlaub.. ich hatte, nein habe doch schon so fixe Pläne! Das geht ja gar nicht! 😀

    Danke, dass du diese beeindruckenden Bilder mit uns teilst! 🙂 Ich muss jetzt schnell weg. Ins nächste Reisebüro! 😉

    Gefällt 1 Person

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