Island – ein Reisetagebuch (Teil 8)

IMG_5508

Puffins, Wale und der schöne Osten

Das Traumatischste an diesem Tag: Der Korkenzieher verabschiedet sich, als der importierte Chianti zur Hälfte geöffnet ist, falsch, nicht zur Hälfte, denn herausziehen lässt sich der Verschluss nicht. Also bleibt nicht anderes übrig als das zu tun, was in jugendlichen Tagen häufiger üblich war: Korken nach innen drücken. Dumm nur, dass ich – anders als früher – mit Sicherheit am Abend keine komplette Flasche leeren werde. Das müsste ich alleine tun, da Karin bei Wein am Abend streikt.

Nun gut, zum Reisetagebuch dichten schmeckt es dennoch…

IMG_5527

Aber von vorn: Der Wecker ist auf 6:45 Uhr gestellt. In der Heimat ist es zu dieser Zeit zwar schon zwei Stunden später. Dass wir gerne noch liegen bleiben würden, zeugt allerdings davon, dass wir uns akklimatisiert haben. Das gilt auch für Wetter und Wind. Es ist nunmal Island und nicht die Provence. Aber dort gibt es keine Wale …

Die wollen wir heute nämlich sehen und fotografieren. So schlüpfen wir um kurz vor 9 Uhr in Husávik in die warmen Overals an Bord unseres Kutters, der uns unter erfahrener Führung in Kontakt mit den Megasäugern bringen soll. Nebenbei auch noch zu den Papgeientauchern, die wir gestern schon wie Hummeln in der Tiefe herumschwirren gesehen haben.

Der Kutter ist mit Touristen gut gefüllt. Ich tausche Erfahrungen mit zwei jungen Frauen aus Wien aus, die sich für eine Rundtour mit Hotelübernachtungen entschieden haben. Ich glaube, unsere Camperversion ist die bessere Wahl. Wir sind ungebunden und komplett flexibel. Aber das nur als Nebenbemerkung. Denn bevor wir überhaupt zu dem Vogelfelsen kommen, kreuzen bereits Schweinswale und eine ganze Schule von Weißbauchdelphinen unseren Weg.

IMG_5243

 

Unsere Führerin kommt besonders angesichts der Delphine ins Schwärmen, die im Schwarm – sorry, Schule ist hier wohl der richtige Begriff – um das Schiff herumtollen. Das sei schließlich ganz ungewöhnlich.

IMG_5187

Mit den ersten 300 Fotos auf dem Kamerachip geht es also weiter in Richtung Miniinsel, der wir uns leider nicht so nähern können, um die clowngesichtigen Vögel, die da massenweise brüten, aus der Nähe zu sehen. Die hübschere Wienerin borgt mir aber mal kurz ihr gutes 200 MM-Objektiv für die Jagd nach umherschwirrende Papageientauchern  Ob da mehr zu sehen ist, werde ich erst beim Aussortieren der Fotos sehen.

IMG_5324

Nun ja, ganz schlecht ist die Ausbeute nicht. Das Versprechen auf Puffins wurde aber dennoch eher bescheiden eingelöst. Wir haben zwar Hunderte gesehen, aber nur aus minimal zehn Meter Entfernung, und dann im Affentempo.

Nachdem wir auf dem hoch gelegenen Campingplatz in den Wolken erwacht waren, ist es auf dem Wasser übrigens erfreulich sonnig. Ruhiges Meer, kaum Wind. Beste Voraussetzung für einige Stunden ohne Seekrankheit.

Tuckernd auf dem Weg in die Aufenthaltsbereiche der Wale dösen nicht wenige Gäste auf dem Deck in der Sonne. Das Meer ist glatt, kein „Blow“ zu sehen, also keine Gischtwolke von ausatmenden Meeressäugern.

IMG_5495

Nachdem unsere wild gelockte Führerin  alles mögliche über die Welt der Seevögel erklärt hat, und dass dieses Boot nur ein Tiefensonar habe und deshalb die Wale mit dem bloßen Auge gesichtet werden müssen, lässt der Kapitän die Schiffsschrauben rotieren, als bei drei reichlich entfernten Booten offenbar doch Walgebläse zu erkennen ist.

IMG_5439

Ein dicht mit Gästen besetztes Kodiak – so ein großes Schlauchboot mit kräftigem Außenborder – prescht an uns vorbei, vertreibt mit seinem lauten Motor die Tiere aber nicht. Und so sehen wir die Rücken, Flossen und Finnen von insgesamt sechs oder noch mehr Buckelwalen, die immer wieder an einer anderen Stelle zwischen den Schiffen auf- und abtauchen.

IMG_5471

Im Gegensatz zu den etwa zwei Meter langen Delphinen messen diese um die 17 Meter. Ganz schöne Brummer. Und am Ende kreuzt dann auch noch ein Potwal unseren Weg. Ganz schön mächtige Schwanzflosse …

IMG_5443

Der heiße Kakao mit der Zimtschnecke am Ende der Tour weckt an stürmischen und kälteren Tagen sicher die Lebensgeister. Heute schmeckt er dennoch und lässt das Mittagessen noch um eine Stunde nach hinten verschieben.

IMG_5505

Es hat sich also tatsächlich gelohnt, dieses whale watching. Mit diesem guten Gefühl machen wir uns auf den Weg in den Osten. Wir haben uns gegen die Tour über die F35 durch das Land entschieden, weil es zum Jökulsarlon, diesem See mit den Gletscher-Eisbergen andersherum kürzer ist und für den Osten auch das Wetter besser angekündigt ist.

IMG_2887

Eine gute Entscheidung, denn es scheint tatsächlich zunehmend die Sonne, je weiter wir uns vom Myvatn entfernen. Leckere Nudeln auf einem Parkplatz im Nirgendwo, wo die F88 in Landesinnere führt – wenn sie geöffnet ist. Ist sie an diesem Tag noch nicht. Also besteht keine Gefahr, zumal ich in Rothers Wanderführer die Top Tour zum Hengifoss noch markiert habe.

IMG_5584

Dorthin und auch wieder zurück auf den Hauptweg geht es, einmal rund um den 30 Kilometer langen See Lagerfljöt … Ein Traum, wirklich. So soll Island zur Zeit der Besiedlung ausgesehen haben, mit Wald und viel Vegetation. Hier ist es noch schöner als am Mayvatn.

IMG_2898

Der Hengifoss mit seinen über 100 Metern Fallhöhe und der dazugehörigen Schlucht ist aber tatsächlich auch sehr sehenswert. Ein zweistündiger Spaziergang am frühen Abend. Das Licht ist einfach toll. Und diese Landschaft!

IMG_5551

Reichlich müde kommen wir nach weiteren 80 Kilometern in Reydarfjördur an. Über einen Pass sind wir gefahren, zwischen Bergen, auf deren Gipfeln noch Schnee liegt. Und überall fließt und strömt und tost Wasser ins Tal, wo sich wieder ein Fluss durch die Landschaft fräst. Islandpferde gibt es auch hier natürlich Herdenweise.

IMG_5591

Unser heutiger Zielort trägt den Fjord nicht umsonst im Namen. Hier sieht es so aus, wie es auch auf den Prospekten zu den Fjordtouren in Norwegen zu sehen ist. Und das alles in der tief stehenden Sonne. Wären wir nicht so müde, Ein Spaziergang …

Aber für heute ist es genug. Die halbe Flasche Wein ist geleert und die Lider haben zunehmend Probleme eine Sehöffnungen offen zu halten. Dennoch werden unsere Schlafmasken wieder gute Dienste leisten. Das war tatsächlich eine lohnenswerte kleine Investition. Denn dunkel wird es auch in den Ostfjorden nicht.

IMG_2907

6 Gedanken zu “Island – ein Reisetagebuch (Teil 8)

  1. Lieber Rainer,
    ein wirklich grandioser Bericht mit imposanten Tieren und mitreissend schöner Natur, Danke dafür. Ich bin mir sicher, dass ich Island nochmals besuchen muss und wahrscheinlich schon bald 😉

    Salut und ein schönes Wochenende

    Gefällt mir

    • Liebe Christian,

      danke für Deine Begeisterung. Dieser Beitrag war wirklich ein hartes Stück Arbeit, weil ich so viele Fotos sortieren musste und das nicht ganz einfach war, sich zu trennen. Vor allem von den Delfinen habe ich wirklich viele Bidler gemacht. Island ist in jedem Fall mehrere Besuche wert. Ich kann Dir für Deinen nächsten Aufenthalt so einen Pick-Up-Camper wirklich empfehlen. 🙂

      Euch auch ein tolles Wochenende!

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

      Gefällt mir

  2. Faszinierende Bilder, lieber Rainer! Ich staune, wie gut du die „Viecherei“ einfangen konntest, selbst die blitzschnellen Vögel. Was das whale watching angeht, hatte ich immer eine kritische Haltung dazu. Irgendwie behagt mir die Vorstellung nicht, mit dem Motorboot rumzubrettern und die sensiblen Tiere zu stören. Aber deine Bilder führen mich nun doch schwer in Versuchung …

    Liebe Grüße,
    Anne

    Gefällt mir

    • Liebe Anne,

      es gibt strenge Vorschriften, dass man sich den Walen nicht schnell und nur bis auf eine deutliche Entfernung nähern darf. Glück ist es dann, wenn die Tiere auf die Boote zuschwimmen.

      Die Zodiaks waren mir allerdings auch ein Dorn im Auge und Ohr.

      Die Papageientaucher waren wirklich schwierige Motive. Um diese halbwegs scharfen Bilder zu bekommen, musste ich Dutzende Versuche anstellen.

      Aber danke für das Kompliment. Ich bin auch ganz zufrieden.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s