Island – Ein Reisetagebuch (Teil 2)

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Tag 2: Höllenfeuer, der schönste Badeplatz und Geysir

Nun ja, die Nacht hätte schlechter sein können. Unruhe auf dem Campingplatz, eine „nur“ 140 Zentimeter breite Matratze und Temperaturen, die eher an eine Spätwinternacht erinnern. Da überrascht es doch, dass die Schlafmaske erst gegen sechs Uhr geliftet wird. Also raus aus dem Hochbett, Teewasser aufsetzen und Frühstück anrichten … für mich alleine. Karin zieht auch im Urlaub ihre 16-8-Teilzeitfasten-Selbstkasteiung durch.

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Vor 10 Uhr rollen wir dann los, zunächst in die falsche Richtung, aber das ist nicht so schlimm. So sehen wir zumindest die Dampfwolken der Blauen Lagune, deren Name über die Hässlichkeit ihrer Existenz hinwegzutäuschen versucht. Da lohnt sich zumindest von außen nicht einmal ein Foto. Und das will in diesen Tagen viel heißen.

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Wir befinden uns auf der Halbinsel Reykjanes, die von endlosen Lavafeldern und dampfenden Höllenschlunden geprägt ist. Da stinken die Sulfatare, dass einem die eigene Galle wohlschmeckend vorkommt. Na ja, vielleicht ist das ein wenig übertrieben. Aber nach zwei Atemzügen dieses Schwefeldampfes aus der Tiefe der Erde ist einen wirklich zum erbrechen.

 

Schade, denn wie es da zischt und blubbert ist faszinierend. Gepaart mit den ungewöhnlich schillernden Farben auf Steinen und rutschig eingepackter Erde ist es sogar tatsächlich ein Erlebnis, zu erleben zum Beispiel im Krysuvik-Thermalgebiet. Unser Rother Wanderführer flunkert da etwas von „manchmal schwierig zu findenden Wegen“.

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Der Autor dieser Berichte war vermutlich mindestens 15 Jahre jünger, als er das gedichtet hat. Zumindest die beiden Touren, die wir uns heute trauen, sind gut frequentiert von teilweise im Dauerschwall plappernden Französinnen älteren Alters, die jeden O-Ton der Schwefelgassprudler übertönen.

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Mit unserem geländetauglichen Fahrzeug der Marke Camping-Luxusklasse cruisen wir danach wieder durch die faszinierende Landschaft, genießen auch Schotterpisten und parken schließlich drei Kilometer hinter dem Fußballplatz von Hvergerdi mit zahlreichen anderen weißen Mietfahrzeugen, um uns zu einem der schönsten Badeplätze der Insel zu bewegen.

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Bewegen heißt in diesem Fall aufsteigen durch eine Bergvulkanlandschaft, die wirklich alles bietet, was Island zu bieten hat: zischend-stinkende Dampfdüsen, brodelnde Schlammkessel, fließende Gewässer, einen wundervollen Wasserfall und Warnschilder, die davon abraten, sich angesichts 100 Grad heißen Wassers zu früh in die Flut zu stürzen.

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Nach einer Stunde Anmarsch im zeitweise sehr frischen Gegenwind auf dem ordentlich frequentierten Weg tut sich nach allerlei Dampf und Dunst dann tatsächlich ein Anblick auf, der so nicht zu erwarten war. Allerdings haben die selig bis erschöpften Gesichter der Menschen, die uns entgegenkommen – ihre feuchten Handtüchern trophäenartig an die Rucksäcke geklemmt – schon angedeutet, dass da noch etwas kommt: Leicht bekleidete Menschen mit Mützen, gut gelaunt in den warmen Fluten des etwas abgekühlten heißesten Bergbach Europas.

 

Karin kann sich nicht überwinden und friert im Wind auf dem schön angelegten Holzsteg am Rand des Bachs. Ich werfe mich in meine Badehose und genieße … Es ist ein Gefühl ähnlich dem vor einigen Jahren im Jakuzzi auf über 2000 Metern Höhe im Angesicht des Piz Buin im Berner Oberland. Ein Traum in badewannenwarm! Aber Karin will nicht, auch nicht nach intensiven Motivationsversuchen. Und das trübt dann doch ein wenig meinen Genuss dieses in der Tat schönen Badeerlebnisses.

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Nach einer Teestunde im WoMo fahren wir noch weiter in Richtung Geysir, um unser Nachtquartier bei doch sehr kühlen Temperaturen auf einem Campingplatz aufzuschlagen, der klar macht, warum wir nun im Golden Circle sind: Die Menschen hier verdienen sich eine goldene Nase an den Touristen, die mit weißen Mietwagen durch de Gegen brausen. „Don’t stink and Drive“ steht da auf den umfunktionierten Kleintransportern, oder irgendwas von sexy Fahrern.

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Bei uns steht nur Europcar auf den Aufklebern. Na egal. Wir registrieren dennoch einige neidische Blicke, als wir per Elektromotörchen unser Hubdach ausfahren und die Standheizung anwerfen. Luxuscamping eben.

10 Gedanken zu “Island – Ein Reisetagebuch (Teil 2)

  1. Lieber Rainer,

    ach ja, das blubbern und brodeln, die weit sichtbaren Dämpfe und ach – dieser herrliche Schwefelgeruch! Ich mag ihn wirklich, was schon öfter Mitreisende zu der Vermutung gebracht hat, dass meine Herkunft irgendwie teuflisch sein müsse! 😉
    Luxuscampen hat sicher auch was – gerade bei diesen Temperaturen. Obwohl – raus aus dem Zelt und rein in eine heiße Quelle stelle ich mir auch schön vor. 😀

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    • Liebe Doris,

      Du magst den Schwefelgeruch? Bäh, mir wird davon wirklich übel. 🙄

      Die Wanderung zu der Badestelle war übrigens erfrischend genug, um das heiße Wasser genießen zu können 😉

      Zelten ist dort nicht erlaubt.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  2. Lieber Rainer,

    seit wann ist die Karin so wasserscheu? Oder fürchtete sie nur die kalte Luft nach dem Aus-dem-Wasser-steigen?

    Mir war gar nicht bewußt, dass Island touristisch so stark frequentiert ist. Aber der Platz reicht doch offensichtlich noch für alle 🙂

    Liebe Grüße
    Volker

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    • Lieber Volker,

      Vermutlich war es tatsächlich der kalte Wind, der sie daran gehindert hat. Aber eher ging es darum, sich zu entkleiden. Denn danach war das – gut aufgeheizt – kein Problem. 😉

      Platz war wirklich genug.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  3. Lieber Rainer, immer wieder schön, die Bilder aus diesem Land zu sehen, da kommen Erinnerungen auf. Ein Urlaub, den ihr beide bestimmt nicht so schnell vergessen werdet, schön, einfach nur schön, freut mich für euch, ich könnte auch schon wieder ! 😉

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    • Liebe Margitta,
      ich kann mir gut vorstellen, dass es Dich und alle nach einiger Zeit wieder in das Land der Vulkane zieht. Wir zehren vorerst noch von den frischen Erinnerungen. 😉

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  4. Lieber Rainer,
    die Bilder sind einfach wundervoll anzusehen und wecken das Fernweh. Einfach herrlich Euer Camper, aber etwas Komfort muss sein, schließlich habt ihr Urlaub 😉
    Du bist schon ein ganz harter Kerl, ich wäre sicher auch nicht aus den Kleidern gestiegen um ein schwefeliges Bad zu nehmen 😀

    Salut

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    • Lieber Christian,
      wir waren wirklich sehr froh über den Camper und seine Standheizung. Denn bei fünf Grad wäre ein Zelt oder ähnliches doch nichts für die älter werdenden Knochen gewesen. 😉

      Das Wasser in dem Bach war nicht schwefelhaltig. Das war sehr klar. Ich habe es extra probiert. Und nach kurzer Überwindung war es wirklich ein wunderbares Erlebnis. 😀

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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