Zu Besuch bei Karl

Karl der Große ist mir schon als Kind begegnet. Auf der Alten Mainbrücke in Würzburg steht er als eine der Brückenfiguren seit einigen hundert Jahren und blickt würdig auf alle, die da über die Pflastersteine die Flussseite wechseln.

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Über seinen Vater habe ich mich als Schüler, der das nur wenig entfernte Deutschhausgymnasium besuchte, allerdings eher lustig gemacht. Pippin der Kurze … na ja, ich konnte schließlich nicht wissen, dass dieser Beiname darauf bezogen war, dass er in der Wortwahl eher kurz angebunden gewesen sein soll.

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Solche Dinge erfährt man von einem guten Gästeführer wie Rolf Schnier, der in Aachen höchst kenntnisreich durch das historische Rathaus geleitet, also jenem Ort, an dem der Karlspreis verliehen wird und dessen Vorgängerbau Anfang des 9. Jahrhunderts nach dem Vorbild der Konstantin-Basilika in Trier errichtet worden war.

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Sage und schreibe 600 Jahre lang haben dort und in seinem Nachfolgebau die deutschen Könige nach ihrer Krönung im benachbarten Dom Hof gehalten. Und alles hat mit Karl begonnen, der nicht nur groß an Körperwuchs war.

DSC01500Der erste gekrönte Karolinger gilt bis heute auch als einer der größten und weitsichtigsten Männer der Weltgeschichte, gab er doch fast ganz Europa einen gemeinsamen Wertekodex, Bildung und eine einheitliche Währung. Der Denar war der einzige legitime Vorgänger des Euro.

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Dass ein Arbeiter eine Denarmünze im Jahr 789 in einer Baugrube verloren hat, belegt den Baubeginn des heutigen Karlsdoms, der als Marienkapelle zu der großen Pfalzanlage gehörte, mit der sich der für damalige Verhältnisse schon betagte Karl den baulichen Mittelpunkt seiner zukünftigen Herrschaft errichten ließ.

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Es waren wohl die heißen Quellen von Aquis, die dem von Gicht und durch das viele Reiten malträtierten Körper von Karl so viel Linderung brachten, dass er sich dort niederließ und den Grundstein für einen Personenkult legte, der bis heute die schöne Stadt mit Touristenströmen versorgt.

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Als der erste Kaiser des Abendlandes am 28. Januar 814 seinen letzten Atemzug getan hatte, wurde er umgehend in seiner Palastkirche beigesetzt. Gästeführer Rolf Schnier erklärt das mit der Cleverness der Aachener Ratsherren. Sie wollten die Gebeine des großen Karls für die Stadt sichern, auch mit Blick auf die absehbare Heiligsprechung und die Zukunft als Wallfahrtsstätte.

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So geschah es dann auch. Im vergoldeten Schrein der im 19. Jahrhundert bunt gestalteten Kirche – erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist es Dom und Bischofssitz –  liegt allerdings heute ein reichlich unvollständiges Knochengerüst.

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Wer den Beweis dafür sehen will, der muss nur in die benachbarte Schatzkammer gehen und dort einen genaueren Blick auf die goldig glänzenden Ausstellungsstücke werfen. In der Armreliquie stecken tatsächlich Elle und Speiche von Karl. In der berühmten Karl-Büste ist seine durch die Küsse der nachfolgenden Könige und Kaiser glänzend polierte Schädeldecke eingelassen.

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Da die Krone für eine Ausstellung verliehen ist, lässt sich das knöcherne Schädelfragment derzeit sogar mit Hilfe eines Spiegels betrachten. Ein wenig gruselig ist das schon. Aber wir können heutzutage vermutlich nicht mehr wirklich verstehen, wie die Menschen seinerzeit tickten. Die verehrten auch die vermeintlichen Gürtel von Jesus und Maria und einen original Geißelstrick von der Peinigung des Gottessohns.

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Da Karl als Heiliger nie vom Papst offiziell anerkannt wurde, gilt er heute nur noch als Regionalheiliger. Über die vielen Gäste in seinem zur hübschen Universitätsstadt und Kurort mutierten (Bad) Aachen würde sich der alte Herr, dessen Großvater übrigens Karl Martell war, sicher freuen.

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Da gibt es nun interessante Einkaufsstraßen, viele Brunnen und Skulpturen, die zum Beispiel den kleinen Finger zum Aachener Gruß spreizen,

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oder den Kreislauf des Geldes darstellen.

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Die Aachener Printen hätten ihn vielleicht nicht gereizt, die es an jeder Ecke zu kaufen gibt. Anders wäre es vermutlich angesichts der vielen hübschen Gelegenheiten zum Tafeln oder Zechen gewesen.

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Vor allem vor dem im zweiten Weltkrieg stark beschädigten und danach wieder aufgebauten Rathaus tummeln sich auch Nachts die Menschen. Kein Wunder, die Technische Universität liegt schließlich nur einen Steinwurf davon entfernt.

Der weiße Saal ist sicherlich zudem einer der schönsten Räume für Paare, die sich trauen wollen. Freitags geht es deshalb im Rathaus zu wie in einem Taubenschlag.

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Im mächtigen Krönungsfestsaal ist von Betriebsamkeit allerdings nur zu ausgewählten Gelegenheiten etwas zu spüren, zum Beispiel bei der Verleihung des Karlspreises an Persönlichkeiten, die sich um Europa besonders verdient gemacht haben.

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Dann ist es vielleicht ein wenig so wie 1520, als Karl V. hier – wie alle seine Vorgänger – sein Krönungsfestmahl hielt, oder wie zur Jahreswende 804/805, als Papst Leo III. in Aachen weilte. Was Napoleon und Lord Sandwich mit Aachen und seinem Rathaus zu tun hatten, ist eine andere Geschichte.

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Und auch die Erzählung vom Teufel, der beim Bau des Doms ausgetrickst wurde, wird hier angesichts der bereits enormen Länge dieses Blogeintrags nicht mehr verraten. Das goldige Tintenfässchen, das diese Legende zeigt, ist allerdings bis heute in Gebrauch: bei allen Einträgen ins Goldene Buch der Stadt.

9 Gedanken zu “Zu Besuch bei Karl

  1. Lieber Rainer,
    oh wie schön – Urlaub! Ein paar Eindrücke durfte ich ja schon über fb bekommen. Dass ihr euch touristisch in eine so interessante Gegend begeben habt, kommt mir dabei auch gleich zugute, so konnte ich wieder viel Neues lernen! 🙂
    Sehr löblich, was Karl der Große alles so initiiert hat – und noch dazu ist er, wenn auch vielleicht unfreiwillig, nachhaltig wieder-/weiterverwertet worden. 😉 Ob es wirklich sonderbarer ist Knochen anzubeten, als einen Schrein, einen Gedenkstein oder etwas anderes?
    Eure Reise klingt jedenfalls sehr toll! 😀

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    • Liebe Doris,

      Aachen ist tatsächlich sehr interessant. Eine schöne Stadt, noch westlicher gelegen als Trier. Wir werden sicherlich nicht zum letzten Mal dort gewesen sein, zumal wir jetzt ein schönes Appartementhotel in der City kennen. 🙂

      Das mit der Schrein- oder Knochenanbeterei ist so eine Sache. Interessant ist das allemal, vor allem mit Gedanken daran, welche Rolle das im Mittelalter bis in die Neuzeit gespielt haben muss. Ich muss einfach mal wieder Säulen der Erde lesen. Das habe ich mir fest vorgenommen.

      In Köln waren wir auch noch, wie Du aus FB weißt. Darüber werde ich auch noch berichten.

      Liebe Grüße
      Rainer

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  2. Lieber Rainer,

    ich beneide Dich um Deine Fähigkeit Geschichte auszubereiten. Das gelingt Dir schon in Trier wunderbar und auch in Aachen kannst Du sofort als Fremdenführer anfangen.

    Für die hoffentliche baldige Beseitigung Deiner Beschwerden wünsche ich Dir alles Gute!

    Liebe Grüße
    Volker

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  3. Lieber Rainer, warum kommen mir die Motive nur so bekannt vor?! 😉 Nur eine Führung hatte ich nicht, daher freue ich mich um so mehr über deine kenntnisreiche Zusammenfassung.

    Liebe Grüße – ich freu mich, dass ihr so eine schöne Zeit hattet!
    Anne

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