Hart im Wind

Alle Nordlichter und Segler mögen mir das für die Überschrift entlehnte Bonmot verzeihen. Aber angesichts der steifen Brise an der Mosel heute bietet sich das an.

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Kurzfristig hatte ich mich entschieden, den Halbmarathon im luxemburgischen Remich für einen Tempodauerlauf in der für Frankfurt geplanten Marathonpace zu nutzen. Da ich gestern wegen des Tages der offenen Tür bei unserem Medienhaus beim Samstagslauf passen musste, bot sich das als Alternative an.

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Die Startnummer hatte ich gestern in einer Pause abgeholt und mich über die grandiose Landschaft an der Obermosel gefreut, die mir so noch gar nicht bewusst war. Der Fluss  windet sich hier in weiten Kurven. Entsprechend imposant sind Prall und Gleithänge, auf denen Wein en masse angebaut wird. Riesling und Elbling, diese uralte Rebsorte, die bis zur Zeit der Römer zurückreicht.

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Heute also schon mit allen Laufutensilien ausgestattet, mache ich mich auf den 45 Kilometer langen Weg nach Remich. Ich parke auf deutscher Seite und laufe über die Brücke nach Luxemburg, unter der der Lauf gestartet wird. Drei Steigerungsläufe sollen mich an das Tempo erinnern, das ich gleich angehen werde. 4:14 min/km soll der Schnitt sein auf den 21,1 Kilometern.

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André treffe ich im Startbereich, auch Martin ist da, mit dem ich in Frankfurt noch einmal einen Anlauf auf eine Zeit unter drei Stunden wagen will. Michael, der als Dritte die sichere Bank als Pacemaker sein sollte, hat sich leider verletzt. Da André schneller – Ziel ist eine persönliche Bestzeit – und Martin zunächst langsamer laufen will – er hat schon 12 Kilometer in den Beinen und macht einen Longjog mit Endbeschleunigung daraus -, mache ich mich also alleine auf die Strecke. Die geht zunächst 10,5 Kilometer moselabwärts und dann aus derselben Route du Vin zurück nach Remich.

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Das Starterfeld ist mehr als 2000 Sportler stark. Ich habe mich vor dem Start im vorderen Drittel eingeordnet. Dennoch traben die meisten vor mir viel zu gemütlich los. Aber nach 300 Metern kann ich am Rand der Menge mein geplantes Tempo aufnehmen. Auf einer Route National ist zum Glück mehr Platz als auf einem Radweg.

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Also: erst mal die verlorenen Sekunden aufholen und dann … bläst der Wind mit einer solchen Wucht von vorn, dass der Tacho sofort ein um 5 Sekunden langsameres Tempo anzeigt, ohne dass die Anstrengung geringer wird. Läufe an der Mosel können eben auch bei schönem Spätsommerwetter anstrengend sein. Aber zum Glück habe ich inzwischen gelernt, Windschatten zu nutzen, um zwischendurch immer wieder ein wenig durchzuschnaufen.

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Dabei wird leider einige Male das Tempo der Leute vor mir zu langsam, so dass ich nach vorne marschiere und erst wieder Windschatten bei der Gruppe finde, die gerade noch einige Meter vor mir lief. Kein Wetter für Bestzeiten, hatten die Läufern gesagt, die hier nicht zum ersten Mal starten. Jetzt weiß ich warum.

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Bei Kilometer acht kommt bereits die Spitzengruppe entgegen. Ein solches Bild hatte ich doch am Morgen auch vom Berlin-Marathon gesehen. Allerdings hängt in Remich niemandem die Innensohle aus dem Schuh …

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Kurz vor dem Wendepunkt kommt mir auch André entgegen. Entweder bin ich ziemlich flott, oder er macht doch ein wenig langsamer. Denn normalerweise müsste er schon mehr  als die 300 oder 400 Meter Vorsprung auf mich haben. Und dann … ist der Wind weg und wir fliegen gefühlt plötzlich zurück. Rückenwind und Sonne. Ist es tatsächlich so warm heute? Aber die Frequenz der Wasserstellen ist gut, so dass ich mir ab und an einen Schluck gönnen und etwas gegen den trockenen Mund tun kann.

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Das Kilometer zählen  beginnt. 18 Kilometer bin ich vor einer guten Woche in diesem Tempo bei strömendem Regen alleine gelaufen. Da werden die drei Kilometer mehr schon möglich sein. Noch 9 Kilometer, noch 8, noch 7 … Lange Läufe an der Mosel sind langweilig, das Gefühl werde ich auch bei diesem Halbmarathon nicht los. Aber nicht überall gibt es Läufer die sich regelmäßig so von ihrem Speichel befreien, dass er über deren Schulter in Richtung des nachfolgenden Läufers spritzt. Bäh. Also schon wieder Tempo zulegen und auch diesen Spuckspecht überholen.

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Die Beine sind nicht wirklich schwer, aber sie murren, warum sie noch immer so flott im Schnelltakt agieren müssen. Die Uhr zeigt nun überwiegend Pace 4:15 an. Drei Kilometer vor dem Ziel erwischt uns der Wind aber wieder von vorne. Sofort wird das Tempo langsamer. Das geht gar nicht, zumal ich schon seit einigen Kilometern realisiert habe, dass vielleicht doch eine persönliche Bestzeit möglich ist.

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Also: Zähne zusammenbeißen und nochmal die Pace erhöhen, auch wenn das Fahrgestell meckert … Aber wen sehe ich da knapp 100 Meter vor mir? André? Sein sauberer Laufstil ist unverkennbar, auch wenn er ganz offensichtlich Probleme hat. Na gut, für mich ist es  natürlich eine willkommene Herausforderung, zu ihm aufzulaufen. Ganz langsam wird der Abstand tatsächlich geringer. Jetzt sind wir auch schon in Remich …

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Noch 20 Meter zu André, noch 500 bis ins Ziel. Beißen! 100 Meter vor dem ersehnten Ende dieses Tempobolzens bemerkt er mich, winkt mich heran. Wir laufen gemeinsam über die Ziellinie.

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Handgestoppt 1:28:59. Für mich tatsächlich eine neue Bestzeit, für André ein Lauf, den er sich anders vorgestellt hat. Aber ab Kilometer 13 war bei ihm wohl die Luft ziemlich raus.

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Die Schwätzchen mit bekannten Läufern im Zielbereich genießen wir allerdings beide. Ein gutes Gefühl! – Durchschnittspace: 4:12 min/km.

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Warum ich allerdings nicht in der offiziellen Wertungsliste geführt werde, ist mir ein Rätsel. Habe ich das alles nur geträumt?

 

 

20 Gedanken zu “Hart im Wind

  1. Hart am Wind ist da schon ganz passend, lieber Rainer.

    Das er dabei Freund und Feind gleichzeitig sein kann, hast Du bei dem HM gut erleben dürfen.

    Glückwunsch zur neuen Bestzeit. Ein gutes Omen für Frankfurt/Main, oder? 🙂

    Liebe Grüße
    Volker

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    • Lieber Volker,

      willkommen zurück aus dem Urlaub. Auch an dieser Stelle. 🙂

      Ob es ein gutes Omen ist, weiß ich noch nicht. So wie ich gestern gekämpft habe, kann ich mir das für die doppelte Distanz noch nicht vorstellen. Aber so ist es ja immer in der Marathonvorbereitung.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  2. Lieber Rainer,

    hast Du mal wieder abgekürzt und wirst deshalb nicht in den Ergebnislisten geführt? :mrgreen:
    Das tempo bleibt für mich unerreichbar und ich kann Dir nur die Daumen drücken für Frankfurt. Das müsste doch eigentlich klappen, wenn Du nicht kränkelst.

    Salut und eine angenehme Woche

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    • Lieber Christian,

      musst du das denn nun hier verraten? :mrgreen:

      Na ja, mir sind keine Verfehlungen meinerseits bekannt. Vermutlich habe ich meine Chipnummer zu undeutlich handschriftlich auf das Nachmeldeformular geschrieben. 😦

      Ist aber nicht weiter schlimm. Ich weiß ja, dass ich gelaufen bin und mit wem ich ins Ziel kam.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  3. Whow, klasse, lieber Rainer! Herzlichen Glückwunsch zur neuen Bestzeit „gegen den Wind“, auch wenn die nicht in den Ergebnislisten auftaucht … ich gestehe, ich hatte schon „gespickt“ und mich gewundert, weil ich dich nicht gefunden habe. Was auch immer passiert ist, du selbst weißt ja, dass du da warst, und es gibt Zeugen für deine „Tat“, also hast du sie nicht geträumt. Und versehentlich abgekürzt haben oder vor der Wende umgekehrt sein wirst du ja auch nicht. Also alles im grünen Bereich für Frankfurt – so hoffe ich wenigstens! Was macht die Leiste?

    Liebe Grüße,
    Anne

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    • Du findest mich in der Platzierungsliste zwischen den Zeilen bei André auf Platz 132,5 😉

      Ich bin wirklich über alle Zeitnehmermatten gelaufen. Aber wirklich schlimm ist es für mich nicht, dass da irgend etwas schief gelaufen ist. Ich nehme dann einfach meine handgestoppte Zeit in meine PB-Liste auf.

      Die Leiste hat mir beim lauf keine Probleme gemacht. Heute spüre ich sie allerdings wieder ein wenig. So wirklich unbeschwert froh bin ich also nicht.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  4. Lieber Rainer,
    Glückwunsch! Super gemacht, und das bei solchen Bedingungen! Der rasende Rainer lässt sich nicht so einfach von seinen Plänen abbringen. Und wahrscheinlich warst Du einfach zu schnell für die Wertungsliste!
    Liebe Gr und möge es in Frankfurt auch so laufen!
    Elke

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    • Liebe Elke,

      zu schnell war ich nicht. Schließlich wurden ja noch reichlich andere und schnellere Läufer registriert. Aber es war ein guter Trainingslauf.

      Möge es in Frankfurt am Ende ähnlich gut ausgehen. Das wäre tatsächlich der Knaller.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  5. Lieber Rainer,
    du warst einfach zu schnell. Man muss schon eine bestimmt Matten-Kontaktzeit haben, damit man gewertet wird 😆
    Oder, du hattest ganz einfach keinen Chip an?
    Oder du hast abegkürzt (wobei ich das bei deinem Laufeifer für ausgeschlossen halte)
    Oder der Chip hatte sich ganz einfach den Sonntag frei genommen.
    Soll ja auch mal vorkommen.
    Toller Lauf, ich bin mir sicher, das mit dem Marathon wird auch richtig richtig gut 🙂
    Aber dann bitte mit offizieller Zeitmessung, sonst ärgerst du dich hinterher
    Liebe Grüße
    Helge

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    • Liebe Helge,

      das ist vermutlich des Rätsels Lösung, weil ich mit meinen kurzen Beinen so eine hohe Taktfrequenz habe, wurden die Mattenkontakte irritiert. 😉

      Den Chip hatte ich mit Klettband am Fußgelenk. Vielleicht war das der Fehler …

      In Frankfurt darf mir so etwas natürlich nicht passieren. Da würd eich mich ärgern, so oder so.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  6. Lieber Rainer,
    hihi – das Rätsel der Ergebnislisten! 😀
    Ich nehme an, du wolltest einfach mal ausschlafen, hast dich noch mal rumgedreht und ganz wunderbar geträumt! 😉

    Nein, im Ernst – ich gratuliere dir zu deiner neuen PB!!!! Gut gekämpft – toll gelungen! 🙂

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  7. Oh… ein Vorbereitungslauf für Frankfurt! Sehr schön. Und dann noch mit neuer Bestzeit… Wahnsinn! Herzlichen Glückwunsch!

    Ich werde auch und diesem Jahr wieder an der Strecke stehen und anfeuern… vielleicht erwische ich Dich ja dieses Jahr? Das wäre doch prima.
    Viele Grüße,
    Claudi

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