Über Autos, Mauern und Reifenstapel

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„Ich will jetzt Eure Hände seeeh’n!!!“ dröhnt es aus den Lautsprechern. Sehen kann ich den Moderator nicht. Aber das ist für jemanden, der in der zehnten Startreihe steht und nur knapp 170 Zentimeter misst, keine neue Erfahrung. Die Stimmung vor der Porta Nigra ist prächtig, die Luft knistert vor Spannung.

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Aber vielleicht liegt das auch an dem schwülen Wetter. Noch zehn Sekunden bis zum Start des ersten Urbanian Run in Trier, noch neun, acht, sieben, … Die Trierer Sportdezernentin zieht tatsächlich den Abzug der Startpistole durch. Auf geht’s zur wilden Jagd!

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Für mich ist es das erste Hindernisrennen überhaupt. So nervös war ich schon lange nicht mehr vor einem Lauf. Aber heute kann ich dieses Kribbeln zumindest mit meinem Sohn teilen. Der 14-Jährige soll mir bei den Hangelpassagen helfen. Ich werde ihm dafür auf den Laufetappen zwischen den acht Hindernissen Beine machen. Wer zehn Kilometer läuft, muss diese zweimal sowie fünf weitere Barrieren überwinden. Aber bis sich Nummer eins in den Weg stellt, müssen erst einmal 1000 Meter gelaufen werden.

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Laufen? Hey, was ist das denn? Dieses Stop-and-Go fühlt sich an wie Silvesterlauf. „Vielleicht ist das ja das versteckte neunte Hindernis“, rufe ich dem Sohn zu, während wir uns durch die gemütlich trabenden und vor Schweiß glänzenden Massen schlängeln. Okay, unsereiner duftet auch nicht mehr nach Oleander, Lavendel und Jasmin …

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Im Palastgarten ist endlich mehr Raum, dort wartet das erste offizielle Hindernis: Jump’n’Run, mehrere Pylonreihen, die zu überspringen sind. Es ist offiziell das Hindernis des Trierischen Volksfreunds, weshalb ich hier mit unserem Fotografen verabredet bin.

Urbanian Run Trier 2015

Meinen Sohn lichtet er in perfekter Sprungtechnik ab. Aber das bemerke ich nicht. Erst kurz vor der letzten Hürde, die ich ganz rechts überspringen will, höre ich von ganz links sein Rufen. „Ach da bist Du …“ Rumms, laufe ich voll in die Plastikbarriere und vermeide nur knapp den schmerzhaften Kontakt mit dem Wegbelag.

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Na ja, es gibt ja noch andere schöne Stellen für Fotos … Aber bitte nicht an diesem Hangeldings, das jetzt in Sichtweite kommt! Das ist mein Albtraum. Na gut, im Zweifelsfall mache ich zehn Liegestütze. Das darf ersatzweise sein, hat der Moderator am Start gesagt, wenn man ein Hindernis tatsächlich nicht schafft. Und schon hangelt mein sportlicher Nachwuchs durch die acht Meter lange Herausforderung, als wäre es ein Kinderspiel. Los jetzt, Papa, nur keine Blöße geben! Eins – Mann, ist das rutschig – zwei – geht doch – drei – fühlt sich gar nicht so verkehrt an – vier – Yippie!!! Meine Mundwinkel sind ab sofort vor den Ohren festgetackert. Was kann jetzt noch kommen, auf drei Kilometern im Zickzack durch die City?

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Die mächtigen Sandsäcke zum Beispiel, die sind kein wirklich schweres Hindernis. Vielleicht liegt das auch an den Anfeuerungsrufen vom Streckenrand. Viele Trierer nutzen diesen feucht-warmen Nachmittag, um sich das Spektakel anzusehen. „Raineeer, lauf!“
Ich nehme trotzdem ein wenig Tempo raus, weil mein junger Begleiter auf der Flachstrecke mehr Schwächen zeigt als an den Hindernissen. Das Spitzenduo des 15 Minuten früher gestarteten 10er Laufs nutzt das, um auf seiner bereits zweiten Runde locker an uns vorbeizuziehen.

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Wow! Aber auf dem Viehmarkt lenken hübsche Frauen von diesem mentalen Tiefschlag ab. Sie drücken uns Pakete in die Hand. Die sollen über das überdimensionale Gepäcknetz und eine Rutsche auf die andere Seite der vier Meter hohen Wand gebracht werden. Das macht Laune, auch wenn es dabei ganz schön wackelig zugeht.

Urbanian Run Trier 2015

Posing für den Fotografen. Danke für das Foto, Holger Teusch.

Rush Hour nennt sich das nächste Hindernis. Feierabendverkehr in Trier also. Schade, dass wir da nicht auch einfach über Autos laufen können. Eine spaßige Angelegenheit. Aber die Freude über die Blechkletterpartie lässt sich kaum auskosten, weil der Veranstalter nun Reifenstapel in den Weg geworfen hat.

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Auf dem Hauptmarkt ist die Stimmung natürlich grandios, wie bei jedem Lauf in Trier. Eine Zumbatruppe animiert die Zuschauer zum Tanzen, während die schweißnassen Urbanian Runner über die gestapelten Holzkästen des Hauptsponsors klettern und springen.

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Nicht alle sehen noch frisch aus, einige leiden sichtbar. Nicht schlecht, dass sich am Frankenturm ein wenig Zeit zum Atemholen bietet. Denn hier, an der mächtigen Mauer, gibt es den einzigen wirklichen Stau. Kletterbegabte Leichtgewichte sind da klar im Vorteil, weil sie nicht unbedingt vom letzten Podest aus die Wand erklimmen müssen.

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Sohnemann hat nun auch wieder genug Luft, als ich ihn auf die Mauer ziehe. Seine Gesichtsfarbe war schon natürlicher. Aber Papa ist ein Motivationsgenie: „Es sind nur noch ein paar Hundert Meter bis ins Ziel!“ Dieses Versprechen zeigt Wirkung und lässt uns die Simeonstraße hinunterfliegen. Verdammt, ich verliere schon wieder einen Endspurt …

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Aber was soll’s. Im nächsten Jahr machen wir den Zehner, ganz bestimmt.

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22 Gedanken zu “Über Autos, Mauern und Reifenstapel

  1. Super gemacht ihr Beiden!
    Herzlichen Glückwunsch zu eurer Kletter-, Hangel-, Lauf-, Rutsch- und sonstnochwas-Partie! 😀
    Und wieder stelle ich für mich fest – NIE im Leben werde ich an sowas teilnehmen! 😉

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    • Liebe Doris,

      vielen Dank! Das war eine interessante Erfahrung – und gar nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. 😉

      Aber das mit den Hindernissen ist schon so eine Sache … Davor darf man nicht zu viel Angst haben.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  2. Irre – das alles und dann noch bei dem Wetter! Gut gemacht, Jungs 😉
    Ich habe gestern in einer Abzweigung im Wald tatsächlich auch so ein Gittergerüst entdeckt, an dem man sich langhangeln muss/kann/darf, das waren wohl Überreste eines Trimm-Dich-Pfades – ich hab’s mal getestet, ich konnte mich keine EINZIGE Sprosse weit hangeln. Und 10 Liegestützen als Ersatz wären wohl auch keine Option gewesen.
    Ich könnte da höchstens bei einem Bambini-Hindernisrennen mitmachen…mit Sackhüpfen oder so 😉

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    • Liebe Daniela,

      vermutlich hätte ich mir beim Sackhüpfen die Hüfte gebrochen 😉

      Ich war auch sehr gespannt, wie es mir mit den Hindernissen ergeht. Dann war ich doch eher überrascht, wie leicht das war. Doch noch nicht alles verlernt … 😉

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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    • Liebe Anja,

      ja, Laune hat das gemacht. Ich wäre am liebsten noch eine Runde gelaufen. Allerdings hätte mein Sohn da gepasst. Der war nach dem Schlussspurt ziemlich platt. 😉

      Aufgeschlagene Knie habe ich keine gesehen. Da war nichts zu behandeln. Aber sich hat es bei einem Startfeld von 1000 Leuten einige gegeben, die nicht ganz heil durchgekommen sind.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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      • Ich habe gestern nach dem Lauf mit jemaden vom Veranstalter gesprochen es gab keine einzige ernstzunehmende Verletzung und nur 13 kleiner Blessuren die behandelt werden mussten. Finde das bei einem Starterfeld von knapp 1000Startern schon erstaunlich

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      • Danke für diese Info und willkommen in meinem Blog! Nur 13 kleine Blessuren? Das ist in der Tat beachtlich. Denn ganz ungefährlich waren einige Hindernisse nicht. Es waren etwas mehr als 1000 Starter, das hat mir der Pressesprecher des Veranstalters gestern nach dem Lauf gesagt.

        Viele Grüße
        Rainer 😎

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  3. Hangeln wäre auch mein Albtraum gewesen, aber hey, 10 Liegestütze sind als „Strafe“ ja wohl pillepalle. Aber war ja klar, dass Du sie nicht nötig hattest.

    Das Dein Sohn gegen einen Drei-Stunden-Marathon-Laufvater einen schweren Laufstand hat, ist ja nicht wirklich verwunderlich.

    Coole Sache, dass Du das Ding gemeinsam mit dem „Kleinen“ gemacht hast!

    Liebe Grüße
    Volker

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    • Liebe Volker,

      die zehn Liegestütze als Ausgleich für ein nich bewältigtes Hindernis empfinde ich auch ein wenig als Scherz. 😉

      Ich habe aber niemanden gesehen, der das machen musste. Auch wenn viele bei dem Hangelhindernis geschummelt haben … Aber ich habe es tatsächlich so bewältigt, wie es gedacht war. 🙂

      Als Gemeinschaftserlebnis war es ein wirklich schönes Ding. So eine klassische Vater-Sohn-Kiste. Davon bleibt etwas. 😀

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  4. Lieber Rainer,
    herzliche Glückwünsche an Euch beide zum Finish! Ist ja eine witzige Variante der üblichen Matsch-und-Mudd-Läufe. Ich denke, die Zuschauermenge dürfte wohl aber größer sein und daher noch mehr Anfeuerung geben. Wobei natürlich die Vater-Sohn-Konstelaltion sicherlich auch einen hohen Motivationsfaktor bietet.
    Klasse gemacht!
    Liebe Grüße
    Elke

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    • Liebe Elke,

      vielen Dank! Es war wirklich eine schöne Sache, an der auch die Zuschauer ihren Spaß hatten. Ich denke, das wird nicht der letzte Urbanian Run in Trier gewesen sein. 🙂

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  5. Lieber Rainer,

    gestern nachmittag am Schreibtisch hab ich an euch gedacht – schade, zum Zuschauen hab ich es nicht mehr geschafft. Aber dank deiner lebendigen Reportage bin ich jetzt doch noch quasi dabei gewesen – dankeschön! Klasse, dass dieses Mal dein „kleiner Großer“ in den Genuss des Vater-Sohn-Erlebnisses kam und sich so wacker geschlagen hat, dass er dich zum Schluss noch abhängen konnte. Ein feiner Bericht, der dir sogar noch eine neue Blog-Kommentatorin eingetragen hat … 😉

    Liebe Grüße,
    Anne

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    • Liebe Anne,

      Du hast etwas verpasst. Das war schon ganz lustig in der Stadt. Sohne mann hat dabei eine durchaus gute Figur gemacht. Wenn er nun wieder etwas in Sachen Ausdauer zulegt, dann ist er wirklich flott unterwegs. 🙂

      Im kommenden Jahr laufen wir beide die lange Distanz. Das ist schon abgemacht.

      Die neue Kommentatorin ist natürlich auch hier gerne gesehen. Allerdings muss ich da in der förmlichen Ansprache bleiben. 😉

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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      • Och, so unter Bloggern … 😉 Aber im Deutschen ist die Wahl der Anrede ja auch ein sehr einfaches Mittel zur Nähe-Distanz-Regulation. Im Englischen wäre das deutlich komplizierter. 😎

        Was den Urbanian Run angeht, bleibe ich wohl auch nächstes Jahr eher beim „Nur gucken, nicht mitmachen!“. Es sei denn, ich entdecke in den nächsten 12 Monaten ungeahnte Vorlieben für Liegestütz und Co … 😆

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  6. Lieber Rainer,

    ich finde es immer toll, wenn sich Familien gemeinsam an sportlichen Ereignissen beteiligen, eine super Erfahrung, die ich mit dir teilen kann, allerdings diese Art von abenteuerlichen Läufen gehen mir völlig ab, das ist und war nie etwas für mich, als Zuschauer jedoch würde ich schon, da würde es mich auch nicht jucken, so wie beim Zusehen von anderen Läufen.

    Hauptsache, es macht euch Spaß – und Bewegung sowieso !! YES !!

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    • Liebe Margitta,

      es war wirklich ein schönes Erlebnis. Wenn ich etwas mit meinen Jungs gemeinsam machen kann, ist es meistens großartig, zumindest, wenn sie Spaß dabei haben. 😉

      Bewegung ist immer gut. Wir müssen dazu ja nicht unbedingt über Hindernisse klettern. Die Jugendlichen brauchen das aber wohl, um
      sich für einen etwas längeren Lauf zu motivieren.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  7. Hi Rainer,
    das schaut witzig aus. Ich schrecke vor solchen Läufen (ich werfe diesen mal in einen Topf mit Veranstaltungen à la Strongman) eher zurück, weil mir die Hindernisse zu artifiziell sind. Dennoch scheint es, als hättet ihr viel Spaß gehabt 🙂

    Liebe Grüße,
    Harald

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    • Probiere es einfach mal aus. Dann wirst Du sehen, ob es Dir Spaß macht. Ich hatte auch meine Bedenken. Aber wer es nicht zu ambitioniert angeht, kann wirklich etwas erleben auf der Strecke 😉

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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