Nur eine Ahnung

… von möglichen Laufstrecken in Berlin-Tegel durfte ich gewinnen. Zu einem Lauf am Tegeler-See hat es an diesen beiden nebeligen Tagen in der Hauptstadt nicht gereicht. DSC03603

Praktisch ist es ja, wenn der Flugplatz im Nachbarland nur 40 Autominuten entfernt liegt. Von Hauptstadt zu Hauptstadt mit Luxair, das ist eine praktische und wegen des geringen Andrangs beim Boarding auch entspannte Sache. Wenn da nur nicht der Nebel wäre … DSC03633

Eine Stunde Zwangsstopp schon beim Hinflug. Und auch der Start des Rückfluges lässt auf sich warten. Genug Zeit also, schon mal in den Blog zu texten, auch wenn die Fotos noch auf der Kamerafestplatte parken und erst am Morgen danach ergänzt werden können.

Die ehemaligen Borsigwerke sind imposante Backsteingebäude am Rande Berlins. Wo einst Maschinenteile für Eisenbahn und allerlei andere Eisen und Stahl fressende Maschinen produziert wurden, ist ein Technologie- und Grünerzentrum entstanden, das offenbar floriert. DSC03619

Jedenfalls werden weiterhin riesige Gebäude abgerissen oder entkernt, um Raum für Innovationen der nachindustriellen Revolution zu schaffen. Ansonsten ist in diesem Teil der Stadt nicht viel los. Am nebelverhangenen See stehen vermutlich sehr teure Häuser. Viele Ruhe herrscht da. Und es gibt eine Shopping-Galerie, die größer ist als die Fußgängerzone mancher Kleinstadt.

Vor Seminarbeginn am Dienstag bleibt eben diese Stunde, um zumindest einen kleinen Spaziergang im Umkreis des Tagungshotels zu machen. Die Vorträge und Diskussionen gehen nahtlos ins Abendessen und dieser in den Plausch mit Kollegen über. An Laufen ist nicht zu denken. DSC03630

Auch am nächsten Morgen nicht, denn bei Dunkelheit in vollkommen unbekanntem Revier – das muss nicht sein. Und als dann auch am Nachmittag nach Ende des Workshops das Wetter nicht besser ist, fahre ich mit der U-Bahn lieber noch für einige Stunden in die Stadt, zumal auch keine Dusche mehr für die ursprünglich geplante nachsportliche Grundreinigung zur Verfügung steht.

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Häufig komme ich nicht nach Berlin, und so sind das Brandenburger Tor und der Reichstag Pflichtstationen dieses Kurzausfluges. Als Kind stand ich bei den Besuchen bei unseren Verwandten in Cottbus und dem dann obligatorischen Ausflug nach Ost-Berlin häufig an dem weiten abgesperrten Platz hinter dem Tor, der von Soldaten sichtbar gut bewacht wurde.

Durch das Tor gehen zu können ist auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ein tolles Gefühl. Zu meiner Überraschung ist es heute fast noch schöner als beim Berlin-Marathon vor einigen Jahren. DSC03644

Der Reichstag liegt nur einige Hundert Meter entfernt. Auf dem Weg dorthin ist das schwarze Wasser eine künstlichen runden Teichs zu finden, auf dessen dreieckige Mittelinsel ein Blumenstrauß abgelegt ist. Hier wird an die Sinti und Roma gedacht, die im Dritten Reich verfolgt, gequält und umgebracht worden sind.

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Geschichte ist ein wichtiges Thema in Berlin. Nicht die des Mittelalters oder der Römer, wie in Trier. In Berlin geht es um neuere Geschichte, um deutsche Geschichte, um die Wiedervereinigung. Aber noch beeindruckender und berührender ist die dunkle Geschichte Deutschlands, an die zum Beispiel das  Stelenfeld an der Cora-Berliner-Straße  erinnert.

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Die gleichen-ungleichen Betonsäulen werden bedrückend für alle, die auf dem gewellten Boden zwischen ihnen hindurchgehen. Das ist aber nichts gegen das Gefühl des Entsetzens, der Fassungslosigkeit, der Trauer und der Scham, das mir die Tränen in die Augen treibt am Ort der Information im Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

 

Wie konnten Menschen zu solchen Dingen fähig sein, die hier mal in nachrichtlicher Sprache, mal in Augenzeugenberichten und Briefausrissen, mal als gesprochene Kurzportraits ermordeter Frauen, Männer und Kinder an die Besucher herangetragen werden. Fotos, die das Unfassbare zeigen, die das Grauen der Ereignisse erahnen lassen.

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Die Gesichter der feixenden Offiziere und Soldaten, als sie einem orthodoxen Juden die Locken abschneiden, den sie danach erhängen werden … Zwei Polizisten, die mit ihren Dienstpistolen in ein wahres Feld nackter Frauenkörper schießen. Wie kann es dazu gekommen sein, dass so etwas möglich war? Dass Menschen nicht als Menschen, ja nicht einmal als Tiere betrachtet worden sind?

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Mein Flug nach Luxemburg verzögert sich noch einmal. Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl für die heutige Nacht … Aber das liegt wohl auch an dem, was ich in der Gedenkstätte gesehen und gelesen habe.

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Danach war noch einmal  Zeit,  das jetzt beleuchtete Brandenburger Tor zu bewundern.

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Tausende Lampen umspinnen die Linden Unter den Linden. Eine PR-Aktion von Vattenfahl. Viel los ist an einem Mittwochabend nicht in diesem Teil der Stadt. Das Lichtermeer bringt aber andere Gedanken. Und die Fahrt mit U-Bahn und Bus zum Flughafen Tegel ist eine gute Möglichkeit, sich über die Menschen Berlins Gedanken zu machen.

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Die „abgefahrenste Curry-Wurst der Stadt“ hätte ich allerdings mit etwas mehr Ruhe essen können. Das hätte mir zumindest etwas Zeit in dieser tristen und wenig belebten Abflughalle erspart …

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Der Flieger ist da. Endlich!

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Morgen früh wird gelaufen! Heute früh bin ich gelaufen. Ein echter Kontrast zur Großstadt.

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14 Gedanken zu “Nur eine Ahnung

  1. Berlin… eine Stadt, die mich gewisser Weise in ihren Bann gezogen hat. Ich bin inzwischen gerne, nachdem ich überhaupt erst vor wenigen Jahren das erste mal da gewesen bin.

    Ich hätte die kostbare Zeit auch zum Schauen verwendet. Das Laufen läuft (ausnahmsweise) ja mal nicht weg.

    Der Massenmord, gepaart mit dem unvorstellbaren Zynismus, an Juden, Sinti und Roma und auch Homosexuellen sollte alle Zeiten Mahnung an die Menscheit sein. Was leider nicht wirklich funkioniert, wie wir u. a. heute schon wieder in Syrien und im Irak erleben müssen 😦

    In so einem kleinen Flugzeug habe ich noch nie gesessen. Bei meiner „Vorliebe“ fürs Fliegen hätte ich lieber den Zug genommen 😉

    Schön, dass Du heile wieder angekommen bist!

    Liebe Grüße
    Volker

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    • Ab und zu muss man sich wirklich ins Gedächtnis rufen, zu was Menschen in der Lage sind. Wer heute nach Syrien blickt und meint, so etwas könnte in Europa nicht passieren, der muss sich nur die Dauerausstellung im Informationszentrum zum Massenmord an Juden und anderen Bevölkerungsgruppen ansehen … 😦

      Dieser fliegende Bus ist durchaus in Ordnung. Wenn er nur pünktlich gewesen wäre. So hat sich die Zeit von Flugplatz zu Flugplatz so addiert, dass ich auch mit dem Auto oder dem Zug hätte fahren können. Wobei das mit dem Zug von Trier aus nicht ganz prickelnd ist. 😦

      Aber ich bin wieder da 🙂

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  2. Zwar nur ein kurzer Aufenthalt, aber besser als gar nicht Berlin – immer eine Reise wert,sowieso.

    Und aufgrund der Verspätung hast du auch noch Zeit zum Kommentieren gefunden, Hauptsache, du bist wieder gut zu Hause gelandet, und das bist du !!

    Ja, ich könnte auch mal wieder nach Berlin……………. 😉

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    • Berlin ist eine Reise wert! Tatsächlich. Ich hatte leider nur Zeit für einen Kilometer rund um das Reichstagsgebäude. Alexanderplatz und Co. dann eben beim nächsten Mal.

      Gelohnt hat es sich in jedem Fall. In diesem Fall war es sogar die bessere Wahl als nach dem Seminar zu laufen. 😉

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  3. Ich mag Berlin nicht. Ich bin kein großer Fan von Großstädten, aber Berlin kann ich im Vergleich zu Hamburg oder München überhaupt nichts abgewinnen.
    Wenn Berlin, dann am liebsten Potsdam! 😉
    Dennoch sind solche Kurztrips immer eine ganz nette Abwechslung und erlauben mal einen Blick über den Tellerrand.

    Viele Grüße aus dem Süden

    Steve

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    • Du magst Berlin nicht? Na ja, ist halt mächtig riesig, diese Stadt. Aber sie hat eine gewisse Faszination. Eine ganz andere als Hamburg oder München. 😉

      Wer Schlösser mag, der ist natürlich besser in Potsdam aufgehoben. …

      Dien Teller ist ja etwas größer als meiner. Der Rand, über den Du blickst, ist dementsprechend weiter entfernt …

      Liebe Grüße aus dem Westen
      Rainer 😎

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  4. Lieber Rainer,
    danke für die vielen unterschiedlichen Eindrücke, die du uns aus Berlin mitgebracht hast! 🙂
    Da hätte ich sicher auch mehr Zeit mit besichtigen und rumspazieren verbracht, als mit einem Lauf. Das Kontrastprogramm von heute Morgen sieht aber auch gut aus! 😉

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    • Liebe Doris,

      ich kann es eben einfach nicht lassen, die Dinge zu dokumentieren und in mein öffentliches Tagebuch einzustellen. 😉

      Das Kontrastprogramm war notwendig, auch wenn es zunächst fast an meiner Müdigkeit gescheitert wäre.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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  5. Lieber Rainer,

    ein schöner Berlinaufenthalt mit viel Geschichte – zum Teil sehr grausame Geschichte… und diese Grausamkeit gibt es leider heute noch in vielen Ecken unserer Welt… schon schwer zu verstehen, zu was der Mensch fähig ist…
    …und erinnert uns wieder daran, wie gut es uns geht!!

    Großstadt ist schön, jedenfalls für einen kurzen Aufenthalt… am schönsten ist es aber in der Natur – laufend versteht sich! und das hast Du ja heute nachholen können 🙂

    Liebe Grüße Anna

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    • Liebe Anna,

      die Natur gibt uns die Fluchtpunkte für die Seele, die wir brauchen. Ich kann mir nicht vorstellen, für längere Zeit in einer Großstadt zu leben. Du vermutlich auch nicht.

      So laufen wir durch die Landschaft, wann immer wir können, und genießen das, was anderen nicht vergönnt ist.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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    • Das war nur eine kurze Dienstreise. Beim nächsten Mal nehme ich mir mehr Zeit, ganz bestimmt. Sehenswert ist die Hauptstadt in jedem Fall. Zudem sind U- und S-Bahn in Großstädten wie Berlin furchtbar praktisch. Ein Auto braucht es da nicht.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

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