Atemlos auf dem Dach der Welt

Laufen geht noch immer nicht. Aber an so einem verregneten Tag lassen sich ja zumindest Texte schreiben, die sich um das Laufen drehen. Die Reportage, die in den nächsten Tagen in dieser oder in etwas gekürzter Form im Trierischen Volksfreund erscheinen wird, will ich den Freunden und Gästen meines Blogs nicht vorenthalten.

Morgenlauf mit Fernsicht.

Atemlos auf dem Dach der Welt

Der Panoramaberg Muottas Muragl bietet nicht nur für Wanderer ganz besondere Erlebnisse

Wie ist es, in einer Höhe über 2500 Metern zu laufen?  TV-Redakteur und Flachland-Läufer Rainer Neubert wollte die Antwort wissen. Er nutzte dazu einen Aufenthalt im Oberengadin in der Schweiz.

Die ungläubigen Worte meines Freundes klingen mir im Ohr, als mich mein Smartphone zur programmierten Zeit aus den Träumen von sonnenüberfluteten  Berggipfeln und tiefen Bergseen zerrt. „Du willst morgen früh tatsächlich hier oben laufen?“, hatte er mich am Abend gefragt.  Soll ich wirklich? Der innere Schweinehund macht sich kurz bemerkbar, hat aber keine Chance. Denn der Blick aus dem Fenster registriert wolkenlos blauen Himmel. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Es ist der Beginn eines Prachttages

Zehn Minuten, zwei Kekse  und zwei Glas Wasser später stehe ich auf der Terrasse des Berghotels Muottas Muragl, das in dieser Nacht meine Unterkunft war. Es ist frisch, um die 10 Grad, windstill. Das Langarmshirt wird als Kälteschutz genügen. Über dem Tal mit seinen Seen liegt noch Frühnebel. Hier auf 2456 Metern Höhe, am Ende der 105 Jahre alten Standseilbahn, ist das kein Thema.

105 Jahre alt: Die Standseilbahn auf den Muottas Moragl.

Ich weiß, welche Tour ich in Angriff nehme. Während der Wanderung gestern und auf der Karte hatte ich mir das angeschaut. Da waren wir zu der 2700 Meter hoch gelegenen und nach dem dort 1899 verstorbenen Maler Giovanni Segantini  benannten Hütte aufgestiegen. Der Weg über die sauber verlegten Steinplatten durch ein mächtiges Geröllfeld ließe sich auch laufen. Susanne Bonaca und Angelo Baggenstos, sie bewirten die Hütte, bekommen dort in der Regel allerdings Besuch von Gästen in schweren Bergstiefeln. Für Läufer ist diese Höhe eine zu große Herausforderung.

Susanne Bonaca hat als Wirtin der Segantinihütte viel zu bieten: leckere Spezialitäten und immer gute Laune.

Von der Segantinihütte 400 Höhenmeter hinunter zur Alp Languard und auf dem Panoramaweg an der Bergflanke entlang zurück zum Muottas Muragl. Das war gestern im zügigen Wandertempo schon reichlich schweißtreibend. Als Laufrunde wäre das allerdings auch mehr als doppelt so lang als das, was ich mir für diesen Morgen vorgenommen habe: Vier Kilometer zum 2713 Meter hoch gelegenen Lej Muragl und wieder zurück. Der höchste Punkt der Strecke liegt auf 2750 Meter, also fast anstrengende 300 Meter höher als mein Ausgangspunkt. Das hat der Blick auf die Wanderkarte verraten.

Aber heute Morgen gibt es kein Kneifen: Auf dem Wanderschild, das den Weg weist, ist zu dem kleinen See eine Wanderzeit von 1,5 Stunden angegeben. Die Lauf-Uhr bleibt aus, soll nicht stören. Nur das Smartphone darf meine morgendliche Heldentat anhand der aufgezeichneten Stelliten-Daten dokumentieren…

Und los geht’s.  „Ich werde gehen, wenn es zu steil wird“, spreche ich mir Mut zu angesichts des Anstiegs, der das Aufwärmen zum Kinderspiel werden lässt. Was macht die Atmung? Geht schnell. Der Puls? Geht schneller. Einen Pulsgurt trage ich auch bei Läufen im Flachland und in den Weinbergen bei Trier nicht.  Hier in den Alpen käme er sicher an seine Belastungsgrenze. Also: Tempo rausnehmen und nicht ans Limit gehen. Apropos. Auf dem zweiten Kilometer wird es einfach zu steil zum Laufen. Flottes Schritttempo also, zumindest zügiges …

Murmeltiere pfeifen hell, huschen von den Hügeln am Hang links. Pfeifen die etwa den seltsamen Typen in schwarzen Laufklamotten aus?  „Warum läufst Du eigentlich im Schatten?“, fragt ich mich mein zweites Ich angesichts der zunehmend vom frühen Sonnenlicht überfluteten Hänge rechts von mir. Die Steine, Felsstufen und Tritte auf dem Weg vor mir liegen noch im Düstern. Endlich steigt der Pfad flacher an. Es geht sogar ein Stück bergab! Der Puls beruhigt sich. Ich wusste doch, dass Laufen auch in dieser Höhe Spaß macht!

Der Lej Moragl am frühen Morgen.

Und da ist endlich  das Blitzen der Sonne, die über den Bergkamm spitzt. Der See liegt vor mir, spiegelglatt reflektiert er die mächtigen Gipfel von Piz Languard und Piz Muragl. Ich bleibe stehen, staune, lausche der Stille. Atemlos. Jetzt nicht mehr nur wegen des Laufens.

Ein Flachlandläufer am Ziel seiner (Tor)Tour.

Natürlich habe ich wie immer meine kleine Kamera dabei. Diese Momente wollen dokumentiert werden … Der Weg zurück ist leicht. Denn was zuvor bergauf so schwer zu bezwingen war, führt nun bergab. Das Tal liegt vor mir. Die Sonne scheint. Welch ein Panorama! „Verliere nur nicht ganz den Blick für den Weg“, warnt meine innere Stimme vor möglicherweise fatalen Fehltritten. O.k. – ab und an lohnt es sich stehenzubleiben. Laufen auf dem Dach der Welt – was für ein Genuss!

Unvergleichliche Lage: Das Berghotel Muottas Morgal.

Nach 80 intensiven Minuten, acht Kilometern und insgesamt jeweils 720 Höhenmetern rauf und runter – auch ein Berglauf kann ganz schön wellig sein – stehe ich wieder auf der Terrasse des Berghotels. Der Nebel im Tal hat sich fast verzogen. „Du hast es tatsächlich getan!“, wird mich gleich mein Freund am Frühstückstisch begrüßen, sobald er mein Dauergrinsen sieht. Ja, ich habe es getan. Es wird nicht mein letzter Lauf in den Bergen gewesen sein.

 

Extra: Muottas Muragl

Der Muottas Muragl ist ein Ausflugsberg in  einer Höhe von 2453 Metern über dem Meer im Oberengadin, Schweiz. Er liegt auf dem Gemeindegebiet von Samedan und bietet einen weiten Ausblick über das Oberengadin mit der Engadiner Seenplatte (Silsersee, Silvaplanersee und St. Moritzsee).

Der Muottas Muragl ist zu Fuß oder mit der Standseilbahn von Punt Muragl (zwischen Samedan und Pontresina) aus erreichbar. Sie hat eine Streckenlänge von 2199 Metern und überwindet 709 Höhenmeter. Sie ist die älteste Bergbahn im Engadin.

Das 2010 komplett erneuerte Romantik Hotel Muottas Muragl wirbt damit, die schönste Aussicht des Oberengadins zu bieten. Quelle: Wikipedia

www.muottasmuragl.ch

8 Gedanken zu “Atemlos auf dem Dach der Welt

  1. Einen tollen, im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Lauf hast Du da hingelegt, Du „Flachländer“ 😉

    Diesen Lauf während des Schreibens in Erinnerung zu rufen, dürfte doch einwenig über die Resterkältung hinweg helfen. Die längste Zeit dürfte es gedauert haben.

    Liebe Grüße
    Volker

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  2. Welch eine Tour! Und sie hat dir offensichtlich viel Spaß gemacht. Ich hör schon die Sirenengesänge der Jungfrau: „Raiiiner, Raaaaaiiiiiner, …!“ 😉

    Liebe Grüße
    Anne

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